Freitag Oktober 28, 2011 08:46

A Dance with Dragons. Kindle.

Beobachtungen zu meinem fast noch neuen Kindle:

Er schmeckt besser als das fast gleichnamige Bier, haha.

Mein innerer Computerspielmagazinredakteur schenkt mir ganz viele Plus- und Minuszeichen. Die streue ich hier ein:

+ : (der Doppelpunkt ist eine stille Hommage an Jörg Sundermeier und den jüngst aus den Seiten der Jungle World gegangenen Letzten Linken Studenten, dies dürfte also der erste und einzige Text sein, in dem ein innerer Computerspielmagazinredakteur und DLLS zusammen antreten) Liegt gut in der Hand. Fühlt sich ….

… wobei mir einfällt: (Jörg! LLS!) Wen stört eigentlich noch das in letzter Zeit vermehrt auftretende Dummwort „wertig“? …

gut an. Leicht zu bedienen. Macht keine Geräusche. Alles geht superschnell. Strengt die Augen nicht an. Easy Menüführung. Hält batteriemäßig ewig und drei Tage.

Wederplusnochminus: Ich habe immer ein bisschen Angst um das schöne neue Gerät. Ein Taschenbuch pfeffert man einfach so in die Tasche. Ein Kindle hat aber schon vom Namen her nix mit Taschen zu tun, sondern hat sowas i-Irgendwas-mäßiges, so als könnte er nur in Hochglanzwerbungen vorkommen. Bloß keine Kratzer! Es fehlen ein bisschen die Einstellungsoptionen beim Textaussehen. Die angebotenen drei Schriftarten sind alle nicht so toll. Okay, aber halt nicht so toll.

Anderes Lesegefühl. Anderes Verhältnis zum Text. Weil alle Bücher plötzlich gleich aussehen – immer die gleiche Schriftart, immer der gleiche Seitenaufbau, immer das gleiche Gefühl in der Hand. Und man immer nur eine Seite vor sich statt das ganzen Buches. Es fehlt das Gefühl: Wie viel hab ich denn noch? Wie viel hab ich schon geschafft? Was das im Moment bei mir macht ist, dass ich die Texte weniger ernst nehme. Ich habe kein Artefakt vor mir, sondern ein irgendwie ideelles Dings, ein Datengeschwebe. Lektüre wird im positiven und negativen Sinn leichter.

Man muss erstmal lernen, wie man das Ding am besten hält und trotzdem noch an die Umblättertasten rankommt. Nach einer Weile geht es wie geschmiert, aber ich wette, in zwei Jahren gibt es ergonomische Doktorarbeiten über die 224 Techniken, das Ding in der Hand liegen zu haben.

Minus: Es geht nicht in der Badewanne. Oder ich traue mich nicht (siehe oben).  Größtes Minus aber: Es ist vom Handling (sag ich jetzt mal so,gell), also es ist vom Handling her nicht so geil wie ein Buch. Man merkt ja erst im Vergleich mit einem Kindle: So ein Buch ist rein usabilitymäßig eine Supersache. Da hat sich jemand Gedanken gemacht. Oder eher ein paar Generationen von Leuten.

– Man hat das Textganze vor sich. Kann schnell zurückblättern, wenn man einen Namen nicht mehr weiß. Textstellen sind optisch und haptisch zu erkennen, bestimmt Moment in der Handlung sind mit etwas Verbunden, das außerhalb des Textes liegt, das ist praktisch.

– Man kann markieren, Eselsohren machen, unterstreichen, aufgeklappt hinlegen. Okay, das alles geht mit dem Kindle auch. Aber mit einem Buch ist es so viel einfacher!

Manche dieser Punkte (Gestaltungsoptionen zum Beispiel) werden sicher per Technikfortschritt gelöst. Insgesamt ist der Kindle eine gute Sache mit vielen Fragezeichen. Ich finde es okay, wenn neue Technologien nicht alles bieten, was die alten hatten, wenn sie dafür viele neue Sachen bieten Ich bin mir noch nicht so sicher, ob die Vorteile des Kindle die Nachteile gegenüber dem hergebrachten Buch aufwiegen.

Denn der größte Vorteil ist ja ehrlich gesagt das Raubkopieren. Wie bei Musik. Man spricht natürlich anbieterseitig (Checkerwort!) lieber von „bequemem Einkauf“, „die ganze Bibliothek in der Hosentasche haben“ un d so , aber worum es eigentlich geht ist: Raubkopieren. Es gibt alle englischsprachigen aktuellen Bücher in Sekundenschnelle gratis im Netz. Man kann jetzt natürlich lange moralische Debatten führen, murmel, murmel, ist das denn gut, die armen AutorInnen, die müssen doch auch Geld verdienen, der Standort Tasmanien, blabla, aber das ist alle sinnfreies Gequatsche für Anne Will. Es ist möglich, deshalb wird es auch gemacht werden. Wer jetzt einen E-Reader hat, macht es heute schon, die anderen kommen in den nächsten Jahren.

Was wird das mit Texten machen?

Ich prognostizieren mal in Analogie mit der Musikindustrie: Die Verlage, zumal die deutschen, werden die Entwicklung vollkommen verpennen. Sie werden jahrelang mosern und greinen und das Geld für Anzeigen in gedruckten Büchern ausgeben: „Nur Orks stehlen!“ oder: „Danke, dass sie dieses Buch gekauft haben!“, „Dem deutschen Verlagswesen entsteht jährlich ein Schaden von 100000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000 Euro durch Raubkopien!“. Anstatt: Sich zu überlegen, wie man es richtig macht.

Während die Verlage noch pennen, geht das Internet seiner Wege.  Es wird eine unüberschaubare Anzahl von Subszenen geben, die aber noch viel kleiner ausfallen als in der Musiklandschaft. Demenstprechend werden diese Subszenen noch viel weniger Beachtung finden, untereinander nicht kommunizieren und schon gar niemanden ökonomisch über Wasser halten.

AutorInnen werden mehr zu Performance-KünstlerInnen, weil öffentliches Vorlesen das Einzige ist, womit sich noch Geld machen lässt. Ereignisse sind das Einzige, was man nicht sinnvoll digitalisieren, aber zugangsbeschränken kann.

Als Ergebnis davon tritt eine Spaltung ein:  Szenetexte werden tendenziell kürzer und mehr auf Effekt geschrieben.  Die Lesebühnisierung der gesamten U-Kultur.  Diese kurzen Texte werden auf den Lesungen drahtlos durch den Raum gepustet,  verschenkt. Es sind tendenziell Wegwerftexte, schnell geschrieben, schnell gelesen, schnell gelöscht. Im besten Fall sind sie atemlos, dringlich, endlich mal wieder relevant für irgendwas. Im schlechtesten Fall (und das wird, wie immer, der Normalfall sein), sind sie dumm und simpel.

Auf der anderen Seite werden die Verlage gedruckte Bücher produzieren, die zur Abgrenzung dicker, schwerfälliger, langatmiger, opulenter ausgestattet sind. Die Fantasyzyklisierung der E-Kultur. Für alle, die zu alt, zu eingebildet oder zu distinktionsbedürftig sind, um sich einfach was runterzuladen. Diese Bücher werden noch dümmer als ohnehin schon.

Parallel werden die Verlage für anspruchsvolle junge LeserInnen, die aber trotzdem einen E-Reader haben, eine neue Art von Romanen ins Programm nehmen (und damit deren Erstellung provozieren), die novellenartige, in sich abgeschlossene Kapitel bieten, die man sich einzeln runterladen kann, für etwa 99 Cent pro Kapitel. Wie in der Musik das Album, so wird auf diese Weise auch der Roman als Gesamtwerk an Bedeutung verlieren. Die Charles-Dickenisierung der gehobenen Unterhaltungsliteratur.

Die Schere was Verdienst und Wahrnehmung angeht, wird noch weiter auseinandergehen. Die beiden letztgenannten Bereiche werden stark monopolisiert sein; per Gerät und Dateiformat werden sich drei, vier Konzerne durchsetzen, die den gesamten Buchmarkt beherrschen. Ungewöhnliche, herausfordernde Bücher werden komplett in den brotlosen Lesebühnenbereich abgedrängt.

Das Neue in der Literatur wird damit tendenziell nicht mehr die Romanform annehmen. Die große Form als künstlerisches Medium wird sterben, wir erlebe eine Reniassance der Kalendergeschichten, Flugschriften, Essays, Aphorismen.

Lesen, Bücher werden ihre bindende Kraft verlieren, sie werden nicht mehr ganze Gesellschaften, ganze Debatte prägen, nur noch Partikularmärkte. Buchhandlungen als Orte werden zu Szenetreffs wie Punkkneipen oder Konzertschuppen, weil dort hauptsächlich aufgetreten werden wird.

Insgesamt bringt die elektronische Literatur also eine Rückkehr etwa ins 18. Jahrhundert: kein nenenswertes Copyright, überall herumschwirrende Zettel, Literatur wie das 20. Jahrhundert sie kannte existiert nicht. Es wird irgendwas anderes geben, aber es wird in diesem Sinne keine Literatur mehr sein. Und das ist ja auch ganz schön.

Wie ist denn nun der neue George Martin so, den ich auf meinem Kindle lese? Die ersten fünfzig Seiten lesen sich viel besser als alle sagen. Sie sind alleine schon spannender als das ganze 4. Buch. Endlich landen die besten Figuren mal außerhalb des piefigen Klein-Klein von Westeros, das war ja vor allem im letzten Band ganz schlimm, diese Eintopfguckerei und die Beschreibung von Husten, Schnupfen, Heiserkeit.

Nervig nur, dass man die Bösen wirklich immer am Aussehen erkennt. Gierige Menschen sind dick, hinterhältige Menschen sehen aus wie Wiesel oder Ratten, schlechte Menschen sind fast immer auch sexuell unersättlich oder irgendwie „gestört“. Dumm.

 

 

 

 

 

 

Dienstag September 14, 2010 10:48

Fernestsehen mit Fernschaft

Warum gerade heute Nacht auf dem weichen Flaumbett von „Farscape“ geträumt? Sagense mal, innerer Psychologe :- ? So tritt ma´ ein in den Diskurs der Einsamkeit, der ja auch ein Diskurs der Liebe sein soll (Barthes, auch son oller Fernschauer). Weil: Hier alles so mad ist und die Pflanzen unter der roten Sonne des Exilplanten durchaus aussehen wie von Jim Henson gemacht, so richtig warzig, vollgekleistert, handmade-homespun, undigital, nämlich: echt, nicht zu Träumen von „Avatar“ anregend.

Weil, desweiteren: Auch John Crichton, die Hauptfigur der Serie, Ganz Weit Weg gezaubert wurde mit seinem Raumschiff, in die Welt des Imaginären aber. Und weil, immer noch weil: Es dort auch immer um die Familie geht. Und in Träumen geht es ja auch immer um die Familie. Und hier, am Ende der Welt, vermiss ich meine Wahlfamilie. Am Ende der Übergangsgesellschaft gab es Familie nur als peinlichen Ort, okay, machten wir uns halt neue, wie wir alles neu machen wollten, und Familien waren ja wohl noch am einfachsten neu zu machen. Viel einfacher als zB eine funktionierende Lebensmittelversorgung.

Das war ja gut gegangen, damals, dass die Edika-Leute bei uns waren und diese Infrastruktur hatten. Von bei dir um die Ecke zum regionalen Verteilerzentrum zum überregionalen und so immer weiter. Und die Kassiererinnen kannten die Brummifahrerinnen, und dann waren die auch bei uns, nur die Zulieferer machten halt nicht mit, klar, weil wir nicht zahlen wollten/konnten und der Edika-Konzern denen auch was gehustet hätte, mit Liebesentzug, Kohleversagen und öffentlichem Anschwärzen, wenn die uns beliefert hätten. Hatten wir also eine Infrastruktur, und nichts, um die zu füllen. Gut, brachten wir also regionale Höfe dazu, zu den Verteilerzentren zu liefern. Leute, die Lust hatten, was selbst anzubauen (das war vor den Arbeitsplänen) brachten ihr Zeug auch dahin. Von da aus gings dann zu den Filialen, wo jede/r von uns sich abholte, was er/sie zum Kochen brauchte. Wir gaben dafür Tauschwaren

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(Unterkünfte für Durchreisenden, freien Eintritt zu unserem Kunstscheiß, medizinische Versorgung in unseren assoziierten Krankenhäusern, was wichtig war für die Ökofuzzis, weil, nur mit Kanne-Brottrunk kriegte man auch nicht alles weg und die Bauernkrankenkasse war sauteuer, Computerhilfe, weil viele von uns häcken und coden aber nicht hacken und  koten konnten, Orgazeugs, Produktionsabläufe, Mediation, darin waren wir auch gut, aber da gabs oft Streit, weil die Ökos entweder viel mehr oder viel weniger autoritär waren als unsere Berater_innen, Erntehilfe, weil wir mit „gratis“ billiger waren als die Polen, die die Ökos ohne mit der Wimper zu zucken sonst rankarrten „wieso, die wollen das doch“, und tatsächlich ein neues Image, weil, wenn wir deren Erzeugnisse haben wollten, dann konnte die Kulturindustrie der verblieben Alten Welt rund um uns ihren Leuten verklickern, dass das Revoluzzerfood war. Leute, die nie bei uns mitgemacht hätten, kauften den Ökos ihr Zeug dann als Lifestyleware ab. Naja.)

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Außerdem lief die Post über das gekaperte Edika-Netz, die Brummifahrerinnen nahmen die Briefsäcke mit, was mal schlecht und mal besser funktionierte. Aber wir waren stolz: Ein großes Versprechen erfüllt. Bei uns muss keine/r mehr hungern. Kann man uns nicht absprechen.

Aber dieser Farscape-Traum.

In Farscape geht von Anfang an alles um die Familie, und wo könnten die Szenen einer Familie besser aufgeführt werden, als im Fernsehen, im Weltall? Dort ist es schwarz, kalt, schön, tödlich,  und es gilt das Gesetz  der Serie. Jede_r kann reingucken und Lust, Angst entwickeln.

John Crichton, ein irdischer Astronaut, folgt dem Vorbild seines Vaters, ebenfalls Astronaut, und lässt sich in die Umlaufbahn schießen, wo er mit der Kraft der Erdrotation einen neuen Superfix-Antrieb in Gang setzen will. Vater schenkt ihm kurz vor dem Abflug die Uhr, die schon ihn ins All begleitet hat. Der Zeitmesser soll dem Junior Glück bringen und ihn an seinen Platz zu Hause gemahnen: bedenke, dass du nur ein Sohn bist, die Zeit, die dieses Ding weggetickt hat, verbindet uns! Natürlich geht bei Crichtons Experiment alles schief, sein Schiff wird durch irgendein hanebüchenes Technobabbledingsbums Ganz Weit Weg gehext, und, kaum dort angekommen, kracht er in ein anderes Schiff, in dem ein Bruder sitzt, nämlich der Bruder eines finstren Peacekeeper-Kapitäns. Die Peacekeeper sind eine Art Wachschutz und Bezahlmilitär dieser fernen Weltallgegend. Der Bruder stirbt und der andere Bruder schwört dem Totschläger Crichton ewige Rache.

Und schon geht´s los mit dem Familiendrama, denn zwischen den Peacekeepern und Crichton herrscht fatale Familienähnlichkeit. Hier, in einer weit, weit entfernten Galaxis a long time ago (oder in der Zukunft, die einzige Zeit, die hier Bedeutung hat, steht auf der Uhr von Crichtons Vater geschrieben, und auch die zeigt nicht Minute und Stunde, sondern das Zwischenmenschliche, nein, Zwischenfamiliäre, Familienmitglieder sind niemals echte Menschen, jedenfalls: eine Gefühls-Raum-Zeit, die sich nach dem Schwingungszustand des Feldes zwischen Sohn und Vater-Heimat ausrichtet ) sind sie nämlich die einzigen Wesen, die wie Menschen aussehen, was Crichton im Lauf der Serie noch so manches mal beschäftigen wird, wenn die schleimige, tentakelbewehrte, echsenhäutige, matschkotzende, retilienäugige, cartoonfrisurige Muppetmitwelt ihn für einen Peacekeeper hält.

Die Peacekeeper sind freilich nicht ohne Grund genau da, wo der Sohn Crichton in einen fremden Bruder knallt. Sie verfolgen eine Bande von entflohenen Gefangenen. Den Peacekeepern entflohen suchen sie alle nach der Heimt, wo sie aus dem einen oder anderen Grund eigentlich auch nicht mehr gern gesehen sind, aber etwas besseres als den Tod der Heimkehr überall finden sie vielleicht nur zu Hause. Wir erfahren nicht, ob sie alle eine Uhr dabei haben, die anzeigt, ob´s zu lange oder zu kurz bis nach Hause ist. Das Fernsehen wirkt seine Magie, und schon ist Crichton mit dieser Renegatentruppe im Bunde, und der Serienreigen kann beginnen.

Heimstatt der heimwärts Fliehenden ist das beziehungsreich Moira getaufte Schiff, dessen Namen zu allererst an das griechische Schicksal denken lässt, und mit etwas Wikipediastöbern auch an eine Variante von Maria und eine antike Heereseinheit. Noch beziehungsreicher wird´s, wenn man erfährt, dass dieses Übermutter-Schicksalsgemeinschaft-Zerstörer-Dingens ein lebender Organismus ist, eine Vertreterin der weltallbewohnenden Gattung der Leviathane. Wir merken schon: Wo so viel Griechenland und Bibel ist, kann nicht wirklich das ferne Weltall sein, wir sind quer durch Zeit und Raum endlich ganz bei uns selbst angekommen, im Imaginären. Ein Leviathan ist einmal eine Art christlicher Waldrache – und mit ein bisschen futuristischem Maskengebilde sieht Moira auch so aus -, er ist aber auch Hobbes´ Staatsungetüm, der alles naturhafte des Behemoth in die Schranken weist. Unsere kleine Weltallfarm fliegt also in einer riesigen Gebärmutter durchs All-Meer, die Muttis bestes in sich vereint: Gebären und Zerstören, Natur und Technik, Leben und Tod.

Gruselig?

Moira wird im Verlauf der Serie auch tatsächlich schwanger und gebiert ein weiteres lebendes Raumschiff.

Gruselig.

Gelenkt wird Moira von einem symbiotisch mit ihr verbundenen Krabbenwesen, das von Geburt an keinen Lebenssinn mehr kennt als die Hingabe an die Überlicht-Gebärmutter. Folgerichtig beschränkt sich der Name des stets melancholischen, sogar äußerlich blue, blauen, Krustentiers auf seine Funktion: Pilot. Dass Pilot eigentlich keine richtige Person sei, wird von allen Raumschiffinsassen mit Ausnahme von Crichton immer wieder gesagt. Auch Pilot selbst sagt das von sich, mit der gleich bleibenden Melancholie dessen, von dem diese Aussage erwartet wird. Ob er es glaubt?

Einige Folgen in der Serie sehen wir drastisch, welchen Status Pilot hat. Ein Genzauberer verlangt als Gegenleistung für eine Karte, die den Weg in die Heimat zeigt, einen Arm des Pilotenwesens, zum Gensamplen. Die Truppe geht hin und hackt ihm einen ab. Der wird ja wieder nachwachsen bei der Weltallkrabbe. Das ganze wird gegen Ende der Folge mit einigen Gewissenbissen umrahmt, auch deutlich als falsch gekennzeichnet, aber nicht so richtig dolle. Pilot wehrt sich nicht und protestiert nicht. Crichtons fassungslose Frage, ob er nicht wahnsinnig wütend sei, scheint er gar nicht zu verstehen. Er ist ganz selbstlose Hingabe an die Sache der Familie. Schleichend aber beginnen diese Beteuerungen hohl zu klingen, Pilot wird unterschwellig, passiv-aggressiv, nöliger mit der Crew. Ihr wisst ja, dass ihr scheiße seid, aber ich bin zu fein, es zu sagen. Ich bin ja nur der Pilot. Und jetzt erkennen wir ihn doch, den Vati, der sich grundsätzlich hinter seiner Zeitung verbirgt und grummelt: Ich hab ja hier nichts zu sagen. Mich fragt ja keiner. Ich soll ja nur das Geld ranschaffen für dich und die Kinder. Vermutlich ist es sein Äußerstes an Überschreitung, wenn er in der Kantine unbeobachtet Fleisch bestellt, obwohl es Arzt und Frau verboten haben, wegen Cholesterin.  Ebenso wie Moira auch eine entmannende und darum männliche Seite hat, ist Pilot der Vater in der Schürze, der verweiblichte Papa, für den die Pfeife zu den Pantoffeln eben nur eine Pfeife ist.

Und die anderen sind Brüder und Schwester, vom kleinen Kotzer und Kacker Rigel XVI. bis zum großen Bruder, der dich verprügelt, und der großen Schwester, diffus-verschämt sexualisiert, geht schon los, und der gleichaltrigen Schwester, die man echt will. Farscape wie Star Wars

: (wie Star Wars sah es hier aber gar nicht aus, keine Pflanzen in Star Wars in tragenden Rollen) /

Hab ich hier – Wahlfamilie? Den Löwenzahn? Das Löwenmäulchen, das aufregende? Was tät ich denn denn mit ihr (ihm? ES?) überhaupt machen wollen, die Vorstellung ist ja nicht mal mehr albern. Sie/er/es (?) mit mir dagegen – och, Pflanzenberühungen … Verrückt. Danke, Traum. Echt. Vielen Dank. Inzestträume – eh schon gruselig, aber mit Pflanzen?

Inzestuös, haha, waren wir mit unserer kleinen Revolutionsfarm aber auch :- Jede/r mit jeder/m, immer im Kreis, Beziehungen mit Leuten aus dem Kapitalismus waren keineswegs verboten, fanden auch statt, aber zu schwierig, meist.

Donnerstag August 26, 2010 12:37

Nachtrag zum Einhorn

Fiel mir erst später wieder ein, dass eine Genossin damals geraten hatte, so anzufangen: „Wir sollten uns mal sehen, ich mag dich nämlich eigentlich.“ Und weiter: „Wir sollten uns mal küssen, ich mag dich nämlich eigentlich“. Nichts gegen einzuwenden – eigentlich- aber ob das dem Löwenzahn weitergeholfen hätte? Bzw. ob sie´s wirklich mal probiert hatte, oder es einfach nur so gesagt hatte, mit Hintergedanken? Oder ohne? Womit man wieder ganz am Anfang war.

Mittwoch August 25, 2010 10:19

Einhorn-Einehe-Einrat-Vielfragerei

Man wusste es eigentlich, konnte es aber nicht. Es war, nach übereinstimmender Meinung aller ExpertInnen, etwas wie Stelzenlaufen oder Jonglieren. Berufsmäßig waren damals viele mit Erklären beschäftigt. Ich damals auch; ich jetzt auch, nämlich: schon wieder dem Löwenzahn, kakaotrinkend (oder was man unter diesem Himmel für Kakao hielt).

„Erzähl doch nicht immer son abgefahrenes Zeug“, sagte er. „Erzähl doch mal was Lustiges. Wie war denn das mit der Bestäubung damals, hm? Ihr Säugetiere und Primaten hattet da doch bestimmt x Tricks. Wart ihr bestimmt voll die Profis, das kanntet ihr doch aus eurer Mangelwirtschaft, dass man sich anpreisen muss.“

Schlürf-Knurps, machte mein Trinkhalm. Trinkhalm, dass ausgerechnet dieses Wort das Ende von Allem überlebt hatte, um hier auf diesem Planeten durch mein letztes Hirn zu zucken. Trinkhalm, Trinkhalm, an der Wand.

„Naja. Ihr macht sowas natürlich nie“, höhnte ich versuchsweise. „Guck dich doch mal an, dir stäuben doch die Samenfäden schon ganz löwenmähnig um den Fruchtknoten oder wie das heißt. Und deine Schwester, das Löwenmäulchen? Da regt mich ja der Name schon auf! Bzw., die Farben! Die Blätter! Die Kelche!“

„Pfft“, machte der Löwenzahn, dass der Sexflaum flog. „Ist aber ganz unpersönlich, ohne Worte, ohne Annäherung, vermittelt durch die lieben Bienen.“ Eine kam herangebrummt, auf Prismaflügeln, solargetrieben, genoptimiert – ein bisschen geschummelt. Sie bauten sie nämlich so, dass es kribbelte, wenn sie den Rüssel ausfuhren, und jede Pflanze hatte ihre ureigenen, dass man immer wusste, welches Modell da von wem angebrummt kam und einen befingerte. Das hatten sie sich immerhin von uns abgeguckt, den Individualismus-Firlefanz, würde wahrscheinlich auch noch zur Zweierbeziehung führen, irgendwann, na, das würde ich nicht mehr miterleben. Aber komisch, komischer als Trinkhalm, dass ausgerechnet das von uns blieb. Dabei hatten wir doch so verzweifelt Schluss machen wollen mit dem ganzen Schmuh in den Tagen der Commune, als die Übergangsgesellschaft schon so langsam wusste, dass sie eine war: Paarbeziehungen, Ehe sowieso, die bürgerliche mit Kleid&Schleier, Eifersucht, Ausschließlichkeit, das hatte man früher mal gebraucht, um Romane anzutreiben, aber jetzt, wo wir im wahren Leben angekommen waren, sollte Schluss damit sein, dass man das Produktionsregime noch ins Private verlängerte, denn das gab es ja auch – so jedenfalls – nicht mehr. Also. Man war gefragt, man träumte davon, sich Blütenkelche stehen zu lassen, Lockrüschen aus Blättern, weiche Stempelkissen, Lavaflüsse nicht nur unter den Füßen, den Pophonigschmelz, mit dem wir uns vorgesungen hatten, in Sklavengesängen, heimlich, wie seimig-schön das werden würde, das sollte es jetzt alles geben. Nur wie?

Wir kannten es ja z.B. nur so (ich zeigte es dem Löwenzahn auf dem Teichtischbrett):

Der Löwenzahn kratzte sich am Kopf und ich rieb mir die Augen. Konnte der das nochmal machen? Aber er fragte nur was. Nämlich: „Wie soll denn das gehen?“

„Tja“, sagte ich. Musste ja keiner wissen, hier am Ende der Zeit, dass mir das auch nie so ganz klar gewesen war. Bzw. und überhaupt, dass das vielleicht mit ein Grund für die ganze Jakobiner-Sache am Ende unserer kleinen Revolution gewesen war. Man macht ja doch immer nur die großen Sachen nach: Bob Dylan und dann eben auch Les Miserables (nicht die Schunkeloper, das Buch). Also doch Romanantrieb, aber ich schweife ab.

„Ich habe zu jedem von den 7 Schritten ungefähr noch 7×7 Fragen. Aber die wichtigste zurerst: Hattest du eigentlich immer einen Zettel dabei, wo das alles draufstand?“

Ich errötetet, löwenmäulig: „Ja, meistens schon. Hat aber trotzdem fast nie geklappt.“

„Scahde“, sagte der Löwenzahn und schüttelte sich, als ihm eine Bestäubungsdrohne von der Fuchsie ins Haar krabbelte.

„Na“, sagte ich. „Wem sagst du das.“

„Zum Beispiel“, sinnierte der Löwenzahn und schieb´s schnell als Liste auf den Teichtisch:

1. Time alone: Wie herstellen und behalten?

2. Small quantities of liquor: Wie auf dem Grad balancieren, wenn man doch selbst immer mehr in die Besoffenheit abgleitet?

3.Charming, not gross (of sexual banter, n.b.): Man sieht und hört es förmlich schiefgehen.Man hört es in der Stimme des/der Banternden, man sieht es im Gesicht des Gegenübers.

4. Die Sache mit dem Anfassen: Jesus. Wer hätte denn jemals irgendwen irgendwann irgendwo angefasst? Kam das (fragte der Löwenzahn irgendwie scheinheilig, ich sah bluminös in den Kakao -:- ?! war da Wolfsmilch drin? Mich schwindelte) kam das nicht in den alten Zeiten erst hinterher? Beziehungsweise, fuhr der Löwenzahn scheinheiliger und scheineiliger fort, wenn man, so stelle er sich das jedenfalls vor, ich möge ihm verzeihen, er habe weder Finger noch sei er jemals von solchen berührt worden, jedenfalls, wenn man dazu fähig und in der Lage sei, brauche mann dann derartige Anleitungen überhaupt noch, oder anders gesagt, wenn das kätzisch dreinblickende Gegenüber sich dergleichen (er hieß die Drohne an einer anderen Stelle rüsseln, beiläufig), wenn es sich derartiges gern gefallen ließe, sei dann nicht – ja irgendwie ohnehin schon alles klar?

Mir schwante Übles, aber es kam doch noch nicht 6., sondern erstmal 5.

5. Beim Aufdielipppengucken, wie da nicht mit dem Kopf zusammendotzen, haha.

Ha ha.

Dann aber doch

6. Keep going nämlich: ja, wie? wohin denn?

Scheinheilig war gar kein Ausdruck mehr, scheingöttlich kam er mir hier.Ob ich ihm das mal erklären könnte?

Nein, konnte ich nicht.

Man muss sich ja auch mal vor Augen halten, wie das war, am Ende der Geschichte.

Zu viert saßen wir etwa über dem Tempel des Koboldkönigs, als D. plötzlich angab, mit seinem Giftatem „erst die zwei Eumel vor mir und dann noch den da“ angreifen zu wollen. Er deutete mit dem Zeigefinger auf ein Monsterfigürchen, das hinter der nächsten Ecke auf seinen Pöppel lauerte. Ich, in der Rolle des Spielmachers, automatisch: Geht nicht, keine Sichtlinie. Empört sich D. aber: Das sei doch egal. Irritation, Erheiterung. F., zu recht: Man könne ja wohl nicht um die Ecke atmen. D., eigensinnig: Wieso denn nicht? Mehr Erheiterung bei uns. Die bald vergeht, weil wir erkennen, dass es D. ernst ist. Logik fruchtet offenbar nicht. Inzwischen haben alle hochrote Köpfe. Wir zücken mosaisch Regelbücher: Da sei es doch erklärt, sogar mit Bild. D. wendet den Blick ab. Nein, nein, nein. Er sei absolut in der Lage, auch den Gegner hinter der Ecke noch zu treffen. M lacht inzwischen hysterisch: Mensch, D., du kannst doch auch mit deiner Armbrust nicht um die Ecke schießen. D. haut – ich schwöre! – wahrhaftig auf den Tisch und ruft aus: Doch!

Ich schlage eine Zigarettenpause vor.

Als die anderen D. mit sanfter Gewalt auf den Balkon komplimentieren, finde ich in D.s Unterlagen einen hastig hingekritzelten Zettel. Ganz oben steht: „Gute Bandnamen“. Das ist zweimal unterstrichen. Darunter:

BENZINVOGEL

ÖLVOGEL (?)

SCHWEINEKRIEG

ALLES ÜBER MEINE MUTTER

Dann noch, klein: wichtig! „sexy“ sängerin.

Das „sexy“ in Tüdelchen ist durchgestrichen, darüber steht: Schön, ohne Anführungszeichen.

Es geht weiter, und D. darf folgerichtig auch den Gegner hinter der Kurve mit seinem Giftatem bestreichen, versiebt aber den Angriffswurf. Ich meine, mit Leuten wie uns sollte man jetzt eine Übergangsgesellschaft aufbauen. Aber es waren ja keine anderen da bzw. nur noch schlimmere bzw. anders schlimm verwundete.

Donnerstag Juli 29, 2010 07:58

Das Malzinstitut at Work

„Frankfurt hat angerufen, wie haben ein Problem mit dem Malzinstitut.“

„Hä?“

„Mit dem Malzinstitut.“

„Frankfurt am Main?“

„Wo denn sonst?“

Schluttke, der mit dem Malzinstitut, gehörte zu einer längst ausgestorbenen Gattung: Er war Arbeiter, echter Arbeiter, ein Kohlebruder, der gegen Ende der Vorgeschichte immer noch Tag für Tag in den Schacht gefahren war. Was zu einer paradoxen Situation führte: Wir begegneten ihm mit der peinlichen Gefühlsmischung marxistischer Studenten: das Kontinuum Ehrfurcht – Verachtung einmal ganz durch. Projektionen wucherten, und Standesdünkel.

Natürlich wusste jeder, dass Schluttke insofern kein ganz richtiger Arbeiter war, als dass sein Schacht natürlich mit EU-Geldern am Leben erhalten worden war, um auf Druck der deutschen Staatsregierung die Arbeitslosenzahlen zu schönen. Eigentlich hätten sie den Schotter, den sie da rausholten, auch gleich wieder in den Schacht schaufeln können, niemand wollte den noch. Die gleichen EU-Fuzzis, die ihnen das Geld gaben, gaben auch smarten Jungingenieuren Geld dafür, dass sie Sonnenlicht aus Weltallflözen kratzen und zu riesigen Bergen aufschichteten, die direkt neben dem Butterberg aufgehäuft wurden, den ebenso überflüssige Bauernkohorten hingeschleimt hatten. Die Butter schmolz dann und floss Rhein und Donau, die sie in die Meere spülten, damit illegal Einreisende auf ihnen ins Schliddern kamen. So waren´s alle irgendwie zufrieden.

Wo aber der Strom aus der Steckdose herkam, die Butter auf dem Brot und das Geld, das die EU allen gab, wusste auch wieder keiner. Aus dem Kapitalismus halt irgendwie.

Jedenfalls, Schluttke war so sehr Arbeiter, dass er nicht nur noch mitten in den Revolutionswirren für die deutsche Rest-Nationalmannschaft fieberte, und partout nicht verstand, was wir daran anrüchig fanden, er hatte auch eine derartig große Ehrfurcht vor „Studierten“, dass es geradezu peinlich war. Wir waren uns nie sicher, ob er uns nicht vielleicht doch verarschte.

Ach, wenn ich heute so drüber nachdenke, er hat uns verarscht, oder?

Der Löwenzahn nickte und versprühte Samenfäden, das war sein Lachen. Ich senkte betrübt den Kopf: hatt ichs doch geahnt!

Gemerkt hatte er sich, verarschenderweise, dass die geheimnisvolle Welt der Uni in Stämmen organisiert war, die sich „Institute“ nannten, und untereinander aufs erbittertste verfeindet waren, mit Mythologie und allem drum und dran, weil: sie nämlich um die gleichen natürlichen Ressourcen kämpften. Bürohöhlen, Computerspeere, Gardinenfaustkeile und die fettesten Mammuts, die die endlosen Steppen von Brüssel durchzogen und mit raffiniert ausgetüftelten Antrags-Fallgruben zur Strecke gebracht werden wollten. Die saftigsten inneren Organe – die 100%-Stellen – galten laut Mythologie als Sitz der Lebenskraft, und die vitalsten&potentesten JägerInnen aßen sie vorrechtig: Juniorprofessorinnen, Privatdozenten, Post-Docs, jung, frech&sexy.

Wir ließen ihm seinen absurden Kinderglauben.

Nun hatte Frankfurt angerufen (am Main! Wo sonst!) und etwas von etwas gefaselt, was in Schluttkes Kopf eben auch ein Institut sein musste: wo, Allah, die Multitude war gemeint.

Wir hatten ein Problem mit der Mulitude, fanden die Genossen aus Frankfurt.

„Nein“, sagte der Chirurg. Sah aus, wie im Feldlazarett, sprach auch so, eben noch im Offizierskasino eine Schnurre über den harten Schanker an der Ostfront zum Besten gegeben, und wie er General von Fürstenfeldbruck nur knapp geantwortet hatte „Nach Ihnen , Monsieur“, und dann mit der Cohiba in der Fresse ein paar Beine absägen, ohne Betäubung, versteht sich, mit so einem Stumpf konnte der Mann noch Pfeifenstopfer werden ahahahahaha. Schwester, haltensema das Licht näher dranne, nee, sehen kann ich, aber ihnen fehlt da oben ein Knopp, ahahahaha. Silberfuchs, Adlernase, Herrenmensch, sammelte Erotica aus der fanz. Revolution.

„Sie können hier Revolution spielen so viel Sie wollen. Aber so sehr ich die Bürokratie der deutschen Krankenkassen auch verachten, in diesen Zeiten ist es mir ein besonderes Vergnügen, nicht ohne Überweisung und Krankenkassenkarte zu arbeiten.“

Wir wurden puterrot und lappten sinnlos mit den Flügeln, wackelten mit dem Halsbommel.

„60% Ihrer Belegschaft haben sich uns angeschlossen. Die behandeln umsonst, egal um Gemnossen oder nicht.“

„Dann arbeite ich mit den besseren 40% weiter wie bisher. Ihre Leiharbeiter und Praktikanten können sie behalten. Passt doch gut: Ich mach edie richtige Arbeit für zahlende Kunden und sie schludern an Ihren Proleten rum. Natürliche Auslese, endlich mal. Herrlich. Fast müsste ich Ihrer Revolution dankbar sein.“

Was sollte man denn jetzt machen? Den erschießen? Aber wir waren doch gegen Gewalt. Immerhin schafften wir es, ihn zu mehreren an die Wand zu drücken.

„Dann gehen Sie jetzt nach Hause. Wir wollen Sie in unserem Krankenhaus nicht mehr.“

„Bitte. Ich wollte schon immer eine Privatpraxis.“ Und ging seelenruhig davon, zum wartenden Sportwagen, nach Haus in den Grunewald, abwarten, bis wir uns erledigt hatten. So lief das Krankenhaus weiter.

Hätten wir ihn mit Revolutionsgarden abholen sollen? Wir hatten ja gar keine. Wir hatten sogar festgeschrieben, dass jede und jeder frei war, zu arbeiten oder auch nicht. Arbeitszwang, das war doch die alte Gesellschaft.

Mehrere Vorfälle mit Plündereren und besoffenen Beinahe-Vergewaltigungen später stand die Frage nach einer Polizei im Raum. Aber wer sollte die bilden, wem sollten die unterstehen? Und wenn die Polizistinnen mal keine Lust hatten, auf Streife zu gehen?

In Frankfurt lief das ganz anders. Das reinste Jakobinertum. Nee, an den Laternen hatte niemand gehangen. Aber die hatten ein Kommandogremium, Rätestrukturen, „Ordnetrupps“ und ja, Einsatzpläne.

Bei uns gabs nur informelle Abhängigkeiten, unterschwelligen Druck, die Drohung, nicht mehr dazuzugehören, Sexstreik.

„Grüßt´s euch Aichkotzschwoaf saugaudi umpf umpf“, sagten die bayrischen Genossen. Irgendwie hörten wir mithilfe des Google-Übersetzungsprogramms raus, dass Augsburg jetzt Räterepublik sei und „gewest ein Marsch auf Müchen, Munich, Germany, Kapitalistenschwein(e), Standesamtrechtliche Füsilierung am Mauerelement, Volk, Volk, Herrschaft (Macht), Fun (gleichwie, als) Kirmes (mundartl.), Verschwörung auf ganze Erde (Welt, Planet) Juden, Schluss schlussendlich and so on mit (Außerirdische/Immigranten/Entfremdete/Fremde), reindeitsch“

Wir komlimentierten die Schützenkönige hinaus. Hätten wir die jetzt auch erschießen sollen oder was? Wahrhscheinlich.

Irgendjemand behauptet, in Polen müssten „Zigeuner“ und „Schwule“ jetzt in der Industrie schuften. jemand anders sagte, dass habe er über die Bunte Republik Eutin gehört.

So war das mit dem Malzinstitut. Wen sollte man zu was zwingen, gar töten, damit mal alles besser wurden konnte? Wir fanden, dass das Bessere so gar nicht erst anfangen durfte. Was wir fanden war aber bald scheißegal, weil sich die Welt nicht dran hielt, sondern ständihg alle überall irgendwas machten, Gutes, Schlechtes, Dummes, Egales, und das addierte sich irgendwie auf.

Hatten wir eigentlich Revolution gerade? Vermutlich ja. Warum gingen dann immer noch Leute zur Arbeit, sendete das Fernsehen weiter, wollten uns Leute Geld in die Hand drücken, wenn wir Ihnen Lebensmittel gaben? Es war wie in dieser Kurzgeschichte von Jack Vance, wo in einer Stadt zwei Parteien gelernt haben, einander nicht zu sehen, bzw. ein Buch von China Mieville gab es da auch.

Das reinste Malzinstitut in diesen Anfangstagen.

Samstag Juli 24, 2010 13:16

Formschön-funktionär

Also, alles fing erstaunlicherweise wirklich mit einem Gerwerkschaftsfunktionär an. Der musste den Leuten in seinem Betrieb verklickern, dass sie auf Anweisung der Gewerkschaftsführung mit dem Streiken aufhören sollten. Stattdessen sollte nun doch niemand entlassen werden; aber alle sollten 120 Euro weniger im Monat kriegen und 75 Minuten die Woche länger arbeiten.

Die Belegschaft bestand aus 4 Leuten: Dennis, Bastian „Schweini“, Sarah und Marion.

Reaktionen: Dennis warf dann gleich den Job hin, weil er eh doch wieder an die Uni wollte. Bastian rechnete sich das fix im Kopf aus und nahm dann doch lieber Hartz bzw. „zwei Monate krieg ich ja noch ALG!“. Sarahs Freund würde ab Oktober eine Stelle als Archivleiter in Marbach haben und genug für zwei verdienen. Für Marion war es ein echtes Problem, dass die anderen drei kündigten, denn sie hatte nichts und niemanden.

Goodbye, Palettenschrauben.

Daraufhin rief der Typ von der Gewerkschaftszentrale bei dem Unterhäuptling an und fragte wutentbrannt, wie das denn jetzt aussehen würde, ob das irgendwie Symbolcharakter haben sollte oder was, mit dieser Massenkündigung. Der so: Hä, nee, was, ich weiß gar nicht, wovon sie reden, ähm, öh, das ist hier bloß alles grad voll scheiße bei uns. Jedenfalls, so die Gewerkschaftsführung, hätte das Fernsehen von der Sache Wind gekriegt, und morgen kämen RTL und ZDF, um über die Sache mit der Existenzvernichtung eines mittelständischen Betriebes durch Gewerkschaftsumtriebe zu berichten. Er solle da bloß nichts Falsches sagen.

Fuckt it all, dachte Marion, wenn hier schon alles den Bach runtergeht, dann sag ich den Fernsehtüpen doch mal die Meinung, den Job bin ich ja eh los. Die meisten Nachrichtengucker waren ziemlich geschockt, nicht so sehr über das, was Marion sagte, sondern einfach darüber, dass sich im Fernsehen jemand noch ernsthaft wütend über irgendwas aufregte. Das war ungewohnt und machte ein unbehagliches Gefühl.

Noch dazu ging es bei dieser Wut um Arbeit: Marion fand die KollegInnen scheiße, weil die einfach in ihre kleine Sicherheit abhauten und sie alleine ließen, zweitens fand sie die Gewerkschaft scheiße, weil die ihr nicht halfen, sondern alles nur noch schlimmer machten und dafür sollte sie auch noch dankbar sein, drittens fand sie ihren Arbeitgerber scheiße, weil der ihr immer weniger bezahlen wollte und zu guter Letzt, so weit war sie jetzt schon, fand sie auch ihre Arbeit sowieso scheiße, weil sie zu anstrengend war, zu öde, zu schlecht bezahlt war und zu viel Zeit kostete.

Aber sie sei doch sicher dankbar, überhaupt einen Arbeitsplatz zu haben?

Monika konnte nicht anders, als zu lachen.

Irritation hinter der Kamera und an den Bildschirmen zu Hause. Ja, wo sie denn dann lieber arbeiten wollen würde? Wenn sie es sich ganz frei aussuchen könnte?

Monika war auf 180 und hatte außerdem wegen der Scheiße mit der Arbeit schon ein paar Bier getrunken. Deswegen sagte sie etwas, was sie sich sonst nie getraut hätte.

„Eigentlich möchte ich am liebsten überhaupt nicht arbeiten.“

Ob dann ihr Mann das ganze Geld verdienen sollte? Solche Fragen wurden in den letzten Tagen vor der Übergangsgesellschaft wirklich noch gestellt.

Jertzt wurde Monika noch sauerer. Sie habe überhaupt keinen Mann, das sei nämlich das nächste, sie hätte lieber einen Mann statt Arbeit, und der sollte auh nicht arbeiten, und dann könnte man den ganzen Tag nasiewissenschon.

Es sich mal wieder richtig gemütlich machen?

Nee. Ficken.

So ein Quatsch durfte natürlich nicht gesendet werden. Wurde er auch nicht.Die Fernsehanstalten konnten schließlich nicht irgendwelchen Blödsinn über den Äther schicken, für die echten Nachrichten war schon kaum Platz.

Nur bei Stefan Raab kam Marion dran, als Einspieler nach der Lachhupe. „Nee, Ficken“, grinste der feiste Entertainer und freute sich dampfend wie ein Sonntagsbraten. Die meisten im Studio lachten brav mit. Aber die Kamera zeigte, dass auffällig viele nicht mitlachten. Auch Leute vor der Mattscheibe dachten sich ihren Teil.

Marions Worte fielen mitten in die nächste periodische Krise der Vorübergangsgesellschaft. Es knackte im Weltgeist und das hörten die Leute, wenn auch vorerst nur im Schlaf und im Rausch billigen Bieres.

Ein paar Etagen höher ging eine Wette darauf, wer wohl von der Marktkonkurrenz als nächstes gefressen werden sollte, fürchterlich schief.

Noch während Stefan Raab sich über Monika lustig zu machen versuchte, wurde sein Haussender von eine spüdafrikanisch-chinesischen Medienkonglomerat aufgekauft. Sekunden später lief ein halblegales Aktien-Termingeschäft aus, und  automatisierte Börsen-Hilfs-Programme stießen Aktien ab wie Körperabwehren. Chinas Währung stürzte um Bruchteile von Prozentpunkten ab. Das Medienkonglomerat ging Pleite, schlimmeres passierte zunächst nicht.

Schon kurz nach der Sendung war Raab deshalb aber de fakto ebenso lohnarbeitslos wie Monika.  Klar wurde ihm dies erst im Lauf der nächsten zwei Wochen, dann aber beschloss er umso heftiger, das nicht auf sich sitzen zu lassen.

Donnerstag Juli 22, 2010 09:01

Thesen über dem Feuerbach

Statt Übersetzen hatte ich an einem beliebigen Tag vielleicht doch wieder ausgeführt, warum es gut war, dass die UdSSR weg blieb (dass man das jemanden erklären musste!), warum man sie aber trotzdem verstehen sollte und was die Spinnerzirkel jetzt machen sollten. Nicht, dass ich das gewusst hätte. Aber sonst schriebs ja wieder keiner. Da freute man sich doch auf die Schmonzettenübersetzung.

Ich würde abends noch erklären müssen, wie ein kulturindustrielles Spektakel funktioniert hatte, warum ich sowohl die Philosophin Judith Butler verstand als auch ihre abscheuliche Position zu Vollverschleierung bzw. wo das Problem mit Gewalt gegen Schwule durch Eingewanderte und Erhebungen darüber lag. Dabei war es viel zu heiß. Vielleicht würde es mir gelingen, doch einfach zu einem Bier abzubiegen.  Oder noch besser, zu einer kleinen Orgie im Freundeskreis. Allerdings schwebten mir dabei ganz andere Freunde vor, als die, denen ich die Erklärungen zu liefern hatte.

Die waren nun auch schon lange tot, verglüht mit dem Rest der Übergangsgesellschaft.

Heutzutage gingen meine Tage anders ab. Mit Sauerstoffmaske und Schutzanzug hockte ich beim Löwenzahn und dem Quallenblütler über dem Feuerbach und ließ die Beine baumeln. Bzw., die beiden Luftwurzeln. Über uns strudelte der rote Himmel. Ich schwitzte in die Sythetik des Anzugs, und es war fast wie Sommer und fast wie Orgie, nur, dass es mit den Pflanzen nicht ging, nicht nur wegen des Schutzanzugs, wir hatten das schon probiert, und es war eher komisch als erregend gewesen.

„Du musst alles aufschreiben über die Übergangsgesellschaft“, sagte der Löwenzahn, und der Quallenblütler nickte, was ich inzwischen gar nicht mehr grotesk fand, das Wackeln und Zappeln da oben.

„Was sollen denn jetzt die alten Geschichten“, murrte ich. Ich wollte lieber weiter Beine baumeln und dem Kitzel alter Orgien nachschmecken: Nostalgie! „Und außerdem: Sind doch eh alle tot. Vorbei ist´s mit der Übergangsgesellschaft, Übergang zu nix war´s bzw. zu euch, pardon, nicht wenig, klar, aber Gesellschaft kann man das ja nicht nennen, was ihr hier habt. Freiheit schon gar nicht.“

Die beiden lachten und bei diesem Anblick wurde mir doch nach so langer freundlicher Gefangenschaft doch noch ein bisschen übel.

„Wir speisen es in die Vergangenheit“, verrieten sie mir. „Schreib es auf auf die [hier ein unverständlicher Begriff, sie meinten die Glasplatte mit dem schwarzen Wasser, in das ich mit den Augen schrieb] – dann senden wir es durch Zeit und Raum in das Internet kurz vor der Übergangsgesellschaft, in die Krisenzeit. Vielleicht liest es wer. Vielleicht geht es dann ganz anders mit der Übergangsgesellschaft!“

„Aber dann gibt es ja vielleicht auch euch nicht, am Ende“, wandte ich ein. Lahme Ausrede. Aber mir schwindelte etwas – ich allein sollte den Lauf der Vorgeschichte ändern? Bis die Menschen vielleicht vielleicht doch einträten in die Geschichte? Wäre mir leicht größenwahnsinnig erschienen, hätte ich nicht zwischen zwei, for lack of a better term, intelligenten Pflanzen auf diesem Todesplaneten gehockt und die Beine über dem Feuerbach baumeln lassen.

„Dann gibt es am Ende vielleicht auch uns nicht“, kicherten sie, und mich schauderte bei diesem Geräusch/Anblick/Nervenimpuls.

Mal sehen, ob ich das noch zusammenkriege, wie das alles anfing mit der Übergangsgesellschaft. Das war in irgendwelchen Spinnerzirkeln wie immer, in solchen wurde in der Alten Welt vom Anderen geträumt. Rollenspieler, Popauskennerinnen, social entrepredingenskirchen (einfach mal sich empowern zum Äpfel pflücken am Alleerand, hurrah!), Studierende, wiehrende, und die klassischen Biergartenhocker, Jobcenterleibeigene, Kofferträger, Stimmungshochhalter, Israel, Dietmardathe, Negris und andere Sushiteile, Hüpfburgen, Hopskissen und die Jugendorganisation der Linkspartei sowie manchmal, im Fieber, die FAZ. Selten oder bzw, eigentlich gar nicht die, die es angegangen wäre, wohl, weil es sie gar nicht mehr gab, die Arbeiter und Arbeiterinnen, denn gearbeitet wurde nicht mehr, es war ja alles von der Freizeit absorbiert. Nur in anderen Weltteilen wurde gerüchteweise noch ausgebeutet und Mehrwert erpresst; das aber war weit weg und eine Produktbezeichnung am Boden von Gummitieren, auch sprach man ihre Sprache nicht.

Damit ging es los. Ob man nicht, man müsste mal, jedenfalls früher, als das Wünschen noch geholfen hat, da habe man doch immer rund um die Welt nach den Unterdrückten gesucht. Einer von uns machte darauf einen Text, der stimmte mich nachdenklich und es kamen mehrere Spinnerzirkelfragen dazu. Cue Dramatische Musik: Damals wusste ich noch nicht, dass dies der Beginn meiner Laufbahn als Bonaparte der Übergangsgesellschaft sein sollte. Aber so war, ist es. Damals dachte ich in Etwa Folgendes:

„Im Internationalismus alter Prägung hat man sich das Kapital als eine Person gedacht, ein bisschen wie den Weihnachtsmann oder den lieben Gott bzw. Darth Vader.  Es wohnt irgendwo (USA, Westen) und will etwas bzw. andere Dinge nicht (v.a. bestimmte Erdteile, Religionen, Bevölkerungen unterdrücken und andere im Gegenzug bevorteilen). Es mag Frauen und dunkelhäutige Menschen nicht, Männer, blonde Weiße und Schäferhunde dagegen sehr. Schlussfolgerung daraus war: Dieser weltweit aktive Superbösewicht muss weltweit bekämpft werden , ein bisschen anders zwar je nach dem, wo und wer man ist und was das Kapital da macht, aber grundsätzlich geht es schon immer gegen die gleiche Person, alles ergänzt sich. Die Mittel müssen deshalb auch mehr oder weniger ähnliche sein. Zudem ist es wirkungsvoll, sich auf die Seite derjenigen zu stellen, die das Kapital nicht mag, denn wenn die stärker werden, wird das Kapital quasi automatisch schwächer. Je mehr Jedis, desto weniger Todesstern.  Man verbringt dann sehr viel Zeit damit, Jedis auszubilden.

Gegenvorschlag: Das Kapital ist gar keine Person und funktioniert auch nicht wie eine. Es ist ein Verhältnis aus gesellschaftlichen Einrichtungen, das Menschen zu einem gewissen Handeln anleitet. Es will genau genommen gar nichts, außer vielleicht immer mehr werden, aber auch das nur so, wie die Evolution „will“, dass Giraffen lange Hälse kriegen. Es ist vielleicht fruchtbarer, hier in Regelkreisläufen zu denken als in Personifikationen.  Dass dabei tatsächlich bestimmte Menschen mehr leiden müssen als andere, liegt nicht daran, dass das Kapital es auf sie abgesehen hat, sondern im Gegenteil daran, dass ihm alles wahnsinnig egal ist, solange es nur mehr wird. Wenn es mehr wird, indem Frauen am Herd bleiben und Menschen mit bestimmten Hautfarben in großer Anzahl umgebracht werden, okay. Wenn es mehr wird, indem Frauen alles wuppen und auch auf den Arbeitsmarkt kommen und die früher getöteten jetzt auf dem Markt mitkonkurrieren, so be it. Das Kapital ist ultimativ pragmatisch, so lange es nur mehr wird. Man kann sich als Mensch gar nicht vorstellen, wie egal dem Kapital alles ist, außer dem Sich-Fortwälzen. Zu unheimlich.

Folgt für Internationalismus: Gegen das überproportionale Leiden bestimmter Gruppen muss man sich sehr bestimmt wehren, denn es ist schlecht, Kapital hin oder her. Allerdings juckt das das Kapital gar nicht, es wird sich anpassen. Diese Fragen trennen, bitte, neuer Internationalismus, aber keineswegs beiseite legen.

Wichtiger aber noch: Wenn man das Kapital eher analog zur Evolution versteht, sollte das nicht heißen, dass es deshalb unvermeidlich kommt und geht wie das Wetter. Ebenso, wie der Mensch sich Stück für Stück von der schicksalshaften Gebundenheit an die erste Natur lösen will/muss, wenn er frei sein will (nicht lachen, das will ja nun auch nicht jede/r), muss er sich auch über die zweite Natur Souveränität verschaffen, d.h., sich die Verfügung über die gesellschaftlichen Regelkreisläufe aneignen, die bisher ihn bestimmt haben. Wer hat´s schon erfunden? Der Marx (und der Adorno).  Umgesetzt haben´s: wenige.

Hilft das Evolutionsbild, auf dass es besser klappe? Ja, denn nehmen wir mal an, die Fichtenkreuzschnäbel und die Buchfinken wollten beide nicht länger Spielball der Evolution sein. Sie gründen deshalb erstmal eine gemeinsame Facebook-Plattform und eine vierteljährliche internationale Zeitschrift aus Pferdehaaren und Kotklecksen. Oder Twitter (Vögel!).  Weil sie sich aber die Evolution nicht als eine alte Frau mit weißem Bart vorstellen, die überall ihre gichtigen Finger im Spiel hat, versuchen sie gar nicht erst, in diesen Medien die Lage auf den Galapagos-Inseln und in Ostwestfalen auf einen gemeinsamen Nenner runterzubrechen. Das macht die Evolution ja auch nicht, sie ist ja nicht bekloppt, sondern nur ein Set aus Regelkreisläufen, das natürlich nicht abstrakt existiert, sondern in Form von tatsächlich Gegebenem hier und da. Diese bunten Vögel gucken sich lieber diese ganz konkreten Situationen vor ihren jeweiligen Nestern an und beratschlagen, wie die Kreisläufe vor Ort zu ändern seien.

Gemeinsam haben sie ihr kommunistisches Begehren:  Sie wollen nicht mehr mühsam Eier legen, sondern das in Reagenzgläsen erledigen,damit sie mehr Zeit zum unbeschwerten Vögeln haben, haha. Statt ewig Nestbauen, Balz, in den Süden ziehen und neue Schnabelformen ausbilden, damit sie mit den neuen Früchten klarkommen, wollen sie lieber alles machen, was ihnen grad so einfällt. Man braucht also eine Menge: Anoraks vielleicht, künstliche Schnäbel in allen möglichen Formen, neue Bäume mit anderen Früchten, vielleicht Umstellung auf Sojaernährung, Hände statt Flügel, wer weiß. Noch niemand so genau, aber es gibt ja jetzt die Facebook-Plattform und die Vogel-Phase alle drei Monate.  Da  kann man voneinander lernen, ohne krampfhaft zu glauben, dass man ganz genau das Gleiche macht. Und man kriegt immer wieder von den anderen abgeklopft, weil man es für sie formulieren muss: Macht ihr eigentlich noch das, was ihr wollt?

Unter Strich denken die Vögel weniger darüber nach, was eigentlich Kommunismus so richtig ist. Sie gucken sich an, was da ist und wie es möglichst gut besser wird und überprüfen dabei immer miteinander, ob man noch auf dem richtigen Weg ist. Das geht auch ganz prima, wenn man sich um das Ziel nicht so richtig schert, man kann trotzdem innehalten und peilen, ob es jetzt gerade immerhin besser ist als vorher und wohin das führen würde, wenn man so weitermacht. Pst, auch das ein Regelkreislauf, aber einer, den man selbst eingesetzt hat und unterbrechen kann.

So muss man es auch mit der zweiten Natur machen. Internationalismus ist Verallgemeinerung des kommunistischen Begehrens plus Konkretisierung des Lokalfalls nebst Austausch darüber minus Beharren auf kohärentem Gesamtbild.

Sie machen sich kein nämlich Bildnis, diese schrägen Vögel. Nämlich: Kein Gesamtbild. Früher dachte man, Internationalismus ist gut, weil, da kriegt man aus den vielen Einzelteilen das Gesamtbild des Kapitalismus. Es gibt aber möglicherweise gar kein Gesamtbild. Denn siehe, auch der Kommunismus ist keine alte Frau und kein alter Mann und noch nichtmal ein Kind oder ein Hund, die man aus Lehm formen müsste, um ihnen dann Atem einzuhauchen.  Er ist bloß ein Name für das, was außerhalb des aktuell Vorstellbaren und Machbaren liegt, und was er sein wird, kann sehr unterschiedlich sein. Genau so wenig, wie der Internationalismus ein Bild des gesamten Kapitalismus abgibt, setzt sich aus der Gesamtschau der Widerstände dagegen die Gestalt des Kommunismus zusammen. Es gibt nur die Einzelfälle, aber international sieht man wenigstens den eigene Einzelfall besser, weil er nicht so ist, wie die anderen. Da ließe sich was machen.

Und da ließ sich auch was machen. Erst schrieb ich das hin (so oder so ähnlich), auf einen Computerbildschirm, damals noch, dann sagte ich es auch. Den anderen. Niemand verstand´s. Aber es rumorte, und das war, wie gesagt, der Beginn von dem St. Helena, auf dem ich heute sitze. Ganz allein, und meine Augen verwischen schon wieder die Spur des Geschriebenen, glätten das Wasser auf dem schwarzen Stein und Nichts bleibt.

Dienstag Juli 20, 2010 07:50

Nachtrag zu Nein

Eine Verteidigung der Übergangsgesellschaft nach ihrem Scheitern. Was soll ich denn sonst anfangen mit meiner Zeit hier. Sie sagen mir ja nicht mal, wie der Planet heißt. Odre Dimensions, oder Möglichkeitsraum, oder sonst dings. Ich nenne ihn: Mount St. Helena. Und ich so: Napoleon, in Verbannung. Weil ich es nämlich war, der sie kaupttgemacht hat, die Übergangsgesellschaft, mit den besten aller Absichten. Vielleicht auch nur, weil ich klein bin und eine alberne Frisur habe und mit immer die Hand an die Brust halten muss und eine Frau nicht gekriegt habe und einen Mann und später, als es dann alles mögliche andere gab, die bzw. das dann auch nicht. Konterrevolution von oben, here we come.